Freitag, 2. April
Lande um 17 Uhr in Moskau. Weis nicht, was ich von dieser Stadt erwarten soll. Am Flughafen holt mich Tanja mit ihrem Privatwagen ab. Sie spricht recht gut Deutsch. Wir unterhalten uns auf dem rund einstündigen Weg in die Stadt nur spärlich. Wir fahren an vielen Hochhaus-Wohnsiedlungen vorbei und stecken zweitweise auch im Stau. Einige der Autos auf der Strasse sind mit einer dicken Staubschicht überzogen. Die Landschaft mit den vielen Birkenbäumen steckt noch in tiefem Winterschlaf. Das Hotel Vega ist eines von vier Hochhaushotels und liegt im Stadtteil Ismailova einige Kilometer nordöstlich vom Stadtzentrum entfernt. Der Komplex kommt mir wie eine kleine Satelliten-Stadt vor. Mein Zimmer ist im 19ten Stock mit schönem Ausblick. In der Hotellobby hat es eine Bar, zwei Restaurants und einige Boutiquen mit russischen Souvenirs. Die ganze Anlage erinnert mich an ein riesiges Schiff – wie die Fähre mit der ich von Genua nach Palermo gefahren bin. Das Frühstücksbuffet ist toll.

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Samstag, 3. April
Treffe mich um 12 Uhr in der Hotellobby mit Tanja und der Stadtführerin Swetlana. Per Auto geht es zu diversen Sehenswürdigkeiten. Die Christi-Erlöser-Kathedrale ist an jenem Tag nicht zugänglich, weil ein Empfang zu den russisch-orthodoxen Ostern vorbereitet wird. Die Fahrt geht weiter zum Sperlingsberg. Von hier haben wir einen schönen Blick auf Moskau. Swetlana redet ununterbrochen, reiht Zahlen und Fakten aneinander, welche die Grösse Moskaus belegen. Nächste Station ist das Neujungfrauen-Kloster. Sehr schöne Stimmung dort. Eine Gemeinschaft von Menschen lässt sich vom Priester die Osterkuchen segnen. Die Fahrt endet beim Kaufhaus GUM am Roten Platz. Ich laufe noch etwas auf dem Roten Platz und um den Kreml herum. Gehe danach der Twerskaja entlang hoch. Sie ist eine der schönsten und ältesten Strassen Moskaus.
Sonntag, 4. April
Auf dem Plan stehen Museumsbesuche. Im berühmten Puschkin-Museum ist gerade eine Sonderschau zu Picasso zu sehen. Warte etwa eine Stunde in der Schlange. Ich bin allerdings kein sonderlicher Picasso-Fan. Es folgt ein kurzer Besuch in der Christi-Erlöser-Kathedrale. Es stehen noch überall Fernsehkameras herum von einem Anlass. Sehr beeindruckt bin ich von der Tretyakow-Galerie, in der von mittelalterlichen Ikonen bis zu Impressionisten des 20. Jahrhunderts ausschliesslich russische Künstler zu sehen sind. Die Bilder sind eindrücklich, zum Teil riesengross und in Goldrahmen so massiv wie Baumstämme eingefasst. Habe so etwas noch nie gesehen. Das Ganze kommt mir völlig surreal rein. Etwas vom Schönsten, das ich auf der ganzen Reise sah. Nach der Tretyakow-Galerie lande ich noch ganz spontan in einer russisch-orthodoxen Messe. In der kleinen Kirche sind nur einheimische und einfache Leute. Stimmung speziell. Die Leute bekreuzigen sich immer wieder ganz demütig. Dies auch bevor sie die Kirche betreten haben. Wie ich im Reiseführer lese, fanden die eigentliche russisch-orthodoxe Ostermesse schon um Mitternacht zuvor statt.
Montag, 5. April
Der Tag beginnt mit einer Besichtigungsfahrt durch die Moskauer Metro. Eindrücklich! Da ich schon recht gut die kyrillischen Schriftzeichen entziffern kann, finde ich mich gut zurecht in diesem Labyrinth unterirdischer Paläste. Danach steht der Besuch im Kreml an. Die Kathedralen sind sehr schön und strahlen eine Besinnlichkeit aus. Von der Basilius-Kathedrale bin ich eher enttäuscht. Eher touristenmässig. Am Abend erfolgt der Transfer zum Yaroslaver Bahnhof. Tanja bringt mich mit dem Auto dahin. Bin auf dem Weg etwas nervös und weiss nicht so recht, was ich von der Sache halten soll. «Du bist jetzt sieben Tage im Zug. Das ist eine sehr lange Zeit» bemerkt Tanja etwas trocken. Bin einfach nur froh, dass ich jetzt nicht ganz auf mich gestellt bin. Wundere mich auch etwas über den unspektakulären Perron, vom dem die Transsibirische Eisenbahn abfährt. Es hat keine Überdachung, dafür aber Leute mit viel Gepäck. Das Vierbett-Abteil ist eng und ich frage mich, wie das sechs Tage auszuhalten ist. Es sitz auch schon eine Frau darin. Sie heisst Olga und wirkt etwas traurig. Der Zug fährt planmässig um 21.25 Uhr los.
Dienstag, 6. April
Während dem ersten Reisetag schlängelt sich der Zug durch eine sanfte Hügellandschaft. Wir fahren an vielen Birkenbäumen und immer wieder an Lotterbuden vorbei. Es liegt nur noch ganz wenig Schnee und die Gewässer sind halb aufgetaut. Leider kann ich mich so gut wie gar nicht mit Olga unterhalten. Wie fast alle ihre Landsleute spricht sie nur Russisch. Im Restaurantwagen komme ich kurz mit zwei Franzosen ins Gespräch. Die Beiden sind geschäftlich im Land unterwegs und steigen bereits in Kyrov wieder aus. Danach unterhalte ich mich noch kurz mit einem jungen russischen Paar aus Jekatherinburg, die sich aus Bali auf dem Heimweg befinden. Eine nette Gesellschaft finde ich in der Kabine nebenan. Dort reisen zwei Reporter aus Sao Paulo mit. Décio (Text) und Luiz (Fotografien) machen eine Reportage über diese Reise für das brasilianische Audi-Magazin. Sie teilen ihre Kabine mit zwei Russen, die Andrej und Sergein heissen. Am Abend passieren wir den Ural.
Mittwoch, 7. April
Wir fahren gemächlich durch die total flache Landschaft der sibirischen Tiefebene. Die Sonne scheint. Es ist kälter geworden, was man an den gefrorenen Gewässern gut erkennt. Schnee liegt nur wenig. Im Restaurant-Wagen trinke ich meinen Morgenkaffee. 130 Rubel sind für einen Löslichen ein völliger Abriss. Das Personal ist schräg und ausgesprochen unfreundlich. Dennoch kann ich nicht davon lassen jeden Morgen dahin zu gehen. Habe es mit den brasilianischen und russischen Kollegen in der Kabine nebenan sehr lustig. Wie ich erfahre will Andrej in Wladiwostok einen Freund besuchen. Nach einem einwöchigen Aufenthalt nimmt er den Zug zurück nach Hause. Er lebt in der Nähe von Moskau. Auf meine Frage, warum er denn nicht mit dem Flugzeug dahin reise, erklärt er mir in seinem englisch-französischen-russischen Sprachmix, dass es im Zug einfach viel gemütlicher sei zu reisen. Sein sprachliches Mischmasch bezeichnet er nicht ohne Ironie als Esperanto.
So um 17 Uhr Lokalzeit halten wir für 42 Minuten in Barabinsk. Der längste Halt der ganzen Reise – und das in einem kleinen Kaff mitten in der sibirischen Pampa. Es ist ziemlich kalt und ich wage es kaum, mich allzu weit vom Bahnhof zu entfernen. Hier den Zug zu verpassen ist das Letzte das mir behagen würde. Spät am Abend erreichen wir Novosibirsk. Doch wie spät ist es wirklich? Die Zeitverschiebung – der gesamte Fahrplan richtet sich nach Moskauer Zeit - macht sich immer mehr bemerkbar. In Novosibirsk steigt eine Frau in unser Abteil zu. Sie heisst Nathalia und spricht auch nur Russisch.
Donnerstag, 8. April
Die Fahrt geht durch eine hügelige Winterlandschaft. Es schneit. Manchmal durchbricht die Sonne Wolken und Schneegestöber. Immer wieder fahren wir an kleinen Siedlungen mit den typischen russischen Datschas vorbei. Sitze in der Kabine mit Olga und Nathalia. Die beiden Frauen kamen schon am Abend zuvor schnell in ein reges Gespräch. Selber kann ich mich mit ihnen durch die wenigen mir kenntlichen russischen Worten unterhalten. Manchmal nehme ich auch den kleinen Sprachführer zur Hilfe. Wir haben es aber dennoch sehr nett zusammen und picknicken gemeinsam. Anklang findet bei meinen russischen Kolleginnen nicht nur die Schweizer Schokolade, sondern auch die Vollkorn-Kräcker vom Coop. Nathalia ist eine rundliche und sehr herzliche Russin. Stolz führt sie mir ihr Schweizer Sackmesser vor.
Irgendwann am Tag erreichen wir die Stadt Krasnojarsk. Für viele eine willkommene Gelegenheit für eine Raucherpause (bei ca. minus 8 Grad) und um sich bei einer der Verkäuferinnen am Bahnsteig mit Nudelsuppen und Dergleichem einzudecken.
Unsere Wagenbegleiterin heisst Olga und ist recht sympathisch. Jeden Tag bringt sie uns das Essen in einer Plastikbox in die Kabine. Es gibt zwei Menüs: Kartoffelstock mit Fisch und einem Salat aus Möhren und Kohl oder Reis mit Hamburger und Essiggurken. Ganz ok.
Freitag, 9. April
Nathalia verlässt den Zug frühmorgens in Irkutsk. Habe in der Nacht nicht viel schlafen können, weil in der Kabine zwischen den beiden Frauen ein Gelaver war. Draussen erwartet uns ein weiterer Sonnentag und vor uns breitet sich der Baikalsee als weite schneebedeckte Fläche aus. Unglaublich schön. Unglaublich aber auch die Vorstellung wie kalt es hier im Winter sein muss, dass ein so riesiger See vollständig zufrieren kann. Wird es in dieser Gegend überhaupt einmal Sommer? Der Zug folgt während ca. zwei Stunden dem südlichen Ufer des Baikalsees und biegt dann der Selenga entlang ins Landesinnere ab. Wir fahren ein weites Tal hinauf. Auf dem gefrorenen Fluss sind da und dort Fahrspuren zu erkennen. In Ulan-Ude erfolgt ein halbstündiger Halt. Die Stadt ist speziell und man merkt, dass die Grenze zur Mongolei nicht weit ist. Hier biegt die Transmongolische Bahnlinie ab. Es weht ein eiskalter Wind und es schwirren einige Schneeflocken in der trockenen Luft umher. Am Bahnsteig hat es wieder einige Frauen, die Esswaren verkaufen und Getränke. Die Fahrt geht weiter. In der Kabine nebenan gibt es wieder ein gemütliches Essen mit Décio, Luiz, Andrej und Sergei. Wir verspeisen unter anderem einen geräucherten Fisch aus dem Baikalsee, den Sergei in Ulan-Ude gekauft hat. Nicht mein Geschmack. Mit einem Gläschen Wodka bringe auch ich den sehr salzigen Fisch runter. Um Mitternacht lokaler Zeit ein weiterer längerer Halt in Chita, jener Stadt von der aus die Bahnlinie über Harbin nach Peking abzweigt. Es steigen zwei neue, noch recht junge Frauen in unser Abteil zu. Wir legen uns alle schnell schlafen. Es ist 18.30 Uhr. Die Zeitverschiebung zu Moskau beträgt nun schon 6 Stunden.

Samstag, 10. April
Die Fahrt geht durch endlose Taiga. Die weite hügelige Landschaft mit den vielen Lärchen erinnert mich ein wenig ans Oberengadin. An Siedlungen kommen wir nur vereinzelt vorbei. Die Flüsse sind immer noch Eisstrassen. In unserem Wagon entsteht immer mehr ein nachbarschaftliches Zusammensein. Im Abteil hinter uns hat sich eine Familie mit einer Tochter gemütlich eingerichtet. Ein par Kabinen weiter vorne hat es eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern. Lena (ca. 6-jährig) führt immer wieder die kleine Schwerster an den Händen dem Zugskorridor entlang.
Zu viert ist es in der Kabine ganz schön eng. Leider sprechen die zwei neuen Frauen Tatjana und Lara auch kein Englisch. Mit Lara kann ich mich allerdings ein bisschen mit Englisch und Französisch unterhalten. Sie zeigt mir ein paar Videos von ihrer kleinen Tochter auf dem Handy. Wie ich weiter erfahre ist ihr Mann vor drei Jahren gestorben. In Chita war sie auf Einkaufstour, Spielsachen für die Tochter und ein Prozessor. Wir haben einen ganz netten Tag in der Kabine. Irgendwann am Nachmittag ein rund viertelstündiger Halt in einem gottvergessenen Kaff im chinesischen-russischen Grenzgebiet. Es ist immer noch sehr kalt aber wenigstens sonnig und nicht so windig. Am Perron hat es etliche ältere Frauen, die Selbstgekochtes feil bieten. Die fahrbaren kleinen Verkaufsstände stehen auf alten Fahrgestellen von Kinderwagen. Ganz skurril. Das Leben muss hier wirklich sehr hart sein für diese Leute. In der folgenden Nacht steigen Tatjana und Lara wieder aus dem Zug.

Sonntag, 11. April
In der Morgenfrüh kommen schon wieder zwei neue Kabinenkolleginnen: Irina und Swetlana. Langsam aber sicher ist die Enge in der Kabine für mich kaum mehr auszuhalten. Beide sind aber sehr nett. Landschaftlich ist es nicht mehr so interessant. Man merkt, dass wir wieder in dichter besiedelte Gebiete kommen. Auch von der asiatischen Atmosphäre ist nichts mehr vorhanden. Es wird auch wieder wärmer. Die Flüsse tauen wieder auf. Am Abend um ca. 20 Uhr ein 15-minütiger Halt in einem kleinen Kaff. In Wjasimskaja verkaufen Einheimische am Bahnhof roten Kaviar. Die Gegend ist offenbar bekannt dafür. Ich kaufe eine kleine Dose für 100 Rudel. Im Abteil nebenan nochmals eine nette kleine Party mit Désio, Luiz, Andrej und Sergei. Was die z. T. alles essen, gleicht mehr Hundefutter. Ich bringe Kaviar-Brötchen, was grossen Anklang findet. In der Nacht steigt Olga in einem kleinen Kaff aus. Wir kommen um 23.35 Uhr Moskauer Zeit in Wladiwostok an. Hier ist es bereits Morgen um halb sieben. Auf dem Bahnhof verabschiede ich mich von Décio und Luiz. Bin froh, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben. Es ist noch dunkel und man riecht das Meer. Bin hundemüde und geniesse im Hotel die erste Dusche seit einer Woche.
Montag, 12. bis Mittwoch 14. April
Habe mir Wladiwostok anders vorgestellt. Weniger urban, mehr im Stil wilder Osten. Die Stadt ist etwa doppelt so gross wie Zürich und auf den ersten Blick kein Ort an dem man verweilen will. Habe noch nie eine derart verlotterte Stadt gesehen. Bei meinem ersten Rundgang entdeckte ich jedoch schnell interessante und schöne Details. Ein Schmuckstück ist die Bahnhofshalle. Das Deckengemälde symbolisierte wie Moskau auf Wladiwostok trifft. Speziell ist auch das GUM-Kaufhaus, welches noch total an die sowjetischen Zeiten erinnert. Am Abend esse ich im Hotel eine Pizza, und da gesellen sich ganz unerwartet Décio und Luiz zu mir. Wir reden noch über die Reise. Am Tag darauf schneit es. Im Hotel kann ich nach Tagen erstmals wieder meine Mails lesen. Werde dort im Raum von einem Engländer angesprochen. Wir haben dann eine recht interessante Unterhaltung bzw. Meinungsaustausch über die Russen. Es ist ganz schön, mit jemandem über seine Erfahrungen in einem Land reden zu können. Als am Nachmittag die Sonne scheint, rinnt das Wasser wie aus Kübeln von den Dächern herab. Von einer Anhöhe hat man einen tollen Ausblick auf die gesamte Stadt und Umgebung. Die Fähre «Eastern Dream» liegt bereits im Hafen. Am Mittwoch ist es sehr windig und kalt. Die Fähre verlässt ca. um 20 Uhr mit rund fünfstündiger Verspätung den Hafen.
Donnerstag, 15. April
Auf der offenen See hat es einen ziemlichen Wellengang. Es schwankt mehr als mir lieb ist. Die Kabine ist ganz in Ordnung. Ich teile sie mit einer älteren und etwas kurligen Russin, die mich immer wieder auf Russisch anquatscht. Wir sind nur zu zweit in der Achter-Kabine. Im Restaurant gibt es dreimal im Tag ein koreanisches Buffet. Es hat viele Russen und Koreaner an Bord. Ansonsten ist nicht viel los auf dem Schiff, das ausser der kleinen Cyberlounge kaum Aufenthaltsmöglichkeiten bietet.
Einzige Action gibt es beim Einchecken, als plötzlich ein Russe mit blutverschmiertem Gesicht vor dem Infodesk steht und die Damen dahinter entsetzt aufschreien. Eine echt schräge Szene, die irgendwie auch den grossen kulturellen Unterschied der beiden Länder aufzeigt. Im koreanischen Hafen Dong-Hae verlassen fast alle Russen das Schiff. Eine Horde Asiaten steigt zu. Ich nutze die Ruhe auf der Fähre dazu, in der Cyberlounge auf den Nachrichtenportals zu surfen. In Europa legt gerade die Aschenwolke eines isländischen Vulkans fast den gesamten Flugverkehr lahm. Das Flugchaos mit gestandeten Passagieren reicht bis in den fernen Osten. Bin irgendwie froh, dass mein Rückflug von Tokio nach Zürich erst anfangs Mai ist.
Freitag, 16 April
Die Fähre läuft am Folgetag um 9 Uhr im Hafen von Sakaiminato ein, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben asiatischen Boden betrete. Hier trennen sich die Wege von mir und den beiden Brasilianern Décio und Luiz. Ich komme mir schon beim ersten Toilettengang im Infocenter des Meeres-Terminals in Sakaiminato vor wie Jacques Tati im seinem Film «Play Time». Es ist nur schon schwierig herauszufinden, wie die Verriegelung der Toilette geht. Dazu muss ich schnell feststellen, dass die Verständigung in Englisch mit den Japanern umständlich ist. Deren Hilfsbereitschaft ist jedoch kaum zu überbieten. So fährt mich ein sehr netter Herr vom Infodesk in seinem Privatwagen von Sakaiminato nach Matsue. Dort kann ich meinen Japanrailpass einlösen. Der Herr hilft mir bis zum Bahnsteig und drückt mir noch schnell zwei Reiss-Snacks in die Hand. Alles einfach so und umsonst! Um die Snacks bin ich noch froh. Es steht eine rund vierstündige Zugsreise nach Kyoto an ohne dass ich einen einzigen Yen im Sack hätte. Dummerweise kann ich mir auf dem Bahnsteig weder Essen noch ein Getränk kaufen. Habe Durst. An den letzten russischen Keksen knabbernd geniesse ich meine erste Zugsfahrt in Japan. In Okayama steige ich in den Shin-kansen um. Ein leichter Kulturschock holt mich im supermodernen Bahnhof von Kioto ein. Herumrennende Menschen, klingende Abschrankungen und roboterhaft sich verbeugende Hostessen sind mir einfach zuviel. Mit Durst und Hunger mache ich mich auf die Suche nach einer Wechselstube, in der ich die restlichen Dollars gegen Yen tauschen kann. Meine Unterkunft, das Capsule Ryokan finde ich zum Glück ganz schnell.
Samstag, 17. Und Sonntag 18. April
Kioto gefällt mir sehr gut. Die Stadt ist vielfältig und bietet neben den Tempeln auch viel des modernen Japans. Begeistert bin ich auch von der Unterkunft, einem sehr sympathisch geführten Guesthouse. Mein Zimmer ist kaum grösser als eine bessere Besenkammer, bietet dafür neben einer Hightech-Dusche («I know it looks like StarTreck») eine typisch japanische Toilette mit jeglichem Schnickschnack. Eine geheizte WC-Brille ist schon was Tolles! Schaue mir in diesen Tagen viele Tempel an. Fast am besten gefällt mir der Path of the Phylosopher, ein rund zwei Kilometer langer Weg entlang eines Kanals. Hier hat es auch noch einige Kirschbäume in Blüte. Die Krischblüte ging in Kioto aber schon vor zwei Wochen durch. In einem kleinen Teehaus trinke ich einen japanischen Grüntee. Fühle mich an diesem Ort fast wie zu Hause. Zum Kaiserpalast leiste ich mir eine Busfahrt. Auch ein Erlebnis. In den japanischen Bussen existieren keine Fahrkarten: Man wirft das Geld vor dem Aussteigen in eine Art Kasse. Fehlt das nötige Kleingeld hilft eine spezielle Vorrichtung weiter: Den kleinen Kasten füttert man zuerst mit einer Note oder Münze. Das folgende Geräusch tönt dann etwa so wie eine laute alte elektrische Kaffeemühle. Danach spuckt die Maschine das Kleingeld aus. Japan hat viel an faszinierenden Geräuschen zu bieten, die Coinmachine in den Bussen gehört zweifellos dazu.
Montag, 19. April
Am Montag gehe ich noch nach Nara. Sehr touristisch. Unglaublich sind die japanischen Souvernir-Shops und Warenhäuser. Komme in diesen Tagen kaum mehr aus dem Staunen heraus. In Japan könnte man sich tagtäglich bis ins Koma shoppen. Ich halte mich da aber sehr zurück. Essen tue ich am Abend fast immer in einer kleinen Imbissbube, die sich an der gleichen Strasse wie das Capsule Ryokan befindet. Hauptattraktion ist ein Automat an dem man ein Ticket für die einzelnen Menüs lösen kann. Finde ich genial.
Dienstag, 20. April
Fahre mit dem Shin-kansen nach Fukuoka. Entscheide mich ganz spontan vorher noch ins National Museum of Kyoto zu gehen. Dort ist gerade eine Retrospektive zum 400-jährigen Todestag des japanischen Malers Hasegawa Tohaku zu sehen. Wunderschön. Kaufe sogar den Ausstellungskatalog, der von der Aufmachung her selber ein Kunstwerk darstellt. Das Reisen in den japanischen Hochgeschwindigkeitszügen ist toll und natürlich etwas ganz anderes, als mit der Transsib, die maximal mit ca. 80 km/h fährt. Die Zeit in Russland scheint mir überhaupt schon um Monate zurück zu liegen.
Am späteren Nachmittag Ankunft in Fukuoka. Die Institution Konya 2023 liegt etwa fünf Gehminuten von der Teijin-Station entfernt. Dort treffe ich auch Yukiko, die sehr sympathische Leiterin des Zentrums. Ich beziehe einen kleinen Studio-Raum mit Bett, einem kleinen Tisch sowie dazugehöriger Küche und einem Bad. Alles sehr einfach aber grundsätzlich sehr sympathisch. Am gleichen Abend findet im Restaurant im Eingangshof eine Party statt. Dort lerne ich einige Bewohner der Institution kennen. Darunter ein junger Berliner, Michi, sowie Minako und Yoichi, die beide recht gut Deutsch sprechen. Deutschsprechende Japaner waren nun wirklich das Letzte, das ich in Fukuoka erwartet hätte.
Mittwoch, 21. bis Freitag, 23. April
Beim Aufwachen am Morgen höre ich viele Krähen schreien. Fukuoka ist aber eine sehr moderne Stadt. Hier reiht sich Shopping-Mal an Shopping-Mal. Die Einkaufstempel reichen oft auch einige Stockwerke in den Boden hinein. Das hinterlässt den Eindruck, die Stadt sei von einem einzigen unterirdischen Labyrinth von Mode-Boutiquen und Delikatessenläden durchzogen. Viele Japanerinnen laufen wie aufgetakelte Hühner herum. In den Schuhen mit den hohen Absätzen können nur die Wenigsten laufen. Ich komme mir vor wie das letzte Landei. Das Quartier in dem ich wohne erinnert ein wenig an das West Village in New York. In meinem Studio fühle ich mich ganz wohl, friere aber oft, was wohl den Betonbau ausmacht. Viel Lädenanschauen. Der 100-Yen-Shop ist toll.
Samstag, 24. April
Nehme den Shin-kansen Richtung Süden der Insel Kyhusu nach Kagoshima. Mein Ziel ist die Insel Yaku-shima, die bekannt für ihre märchenhaften Wälder mit uralten Zederbäumen ist. Da alle Fähren früh morgens im Hafen auslaufen, muss ich eine Nacht in Kagoshima bleiben. Finde in der Nähe des Bahnhofs schnell ein günstiges Hotel. Die beiden Herren am Empfang wirken etwas clownesk. Das Zimmer hätte eigentlich 5700 Yen gekostet. Als ich zu verstehen gebe, dass ich mich noch ein wenig nach weiteren Hotels umschauen wolle, purzelt der Preis blitzschnell auf 5000 Yen runter. Die Sache irritiert mich etwas, sind die Japaner sonst doch superkorrekt in Geldfragen. Kagoshima hat eine südländische Atmosphäre und wird offenbar auch als Neapel des Ostens bezeichnet. Die Stadt gefällt mir. Am Abend laufe ich per Zufall in ein Festival mit Strassen-Aufführungen, die sich irgendwo zwischen Karate und Tanz bewegen. Das Quartier ist eher derb mit ganz vielen Kneipen und bietet eine tolle Kulisse für den Anlass.
Sonntag, 25. April
Auf dem Weg zur Fähre lerne ich eine junge Französin kennen. Estelle aus Paris ist ebenfalls auf dem Weg nach Yuka-shima und seit einiger Zeit in Japan unterwegs. Die Überfahrt dauert vier Stunden. Die Insel Yaku-shima ist viel grösser als ich dachte. Erwartete etwas im Stil Stromboli. Was sich durchaus mit Stromboli vergleichen lässt, ist die entspannte Atmosphäre. Eine tolle Überraschung ist das Youth Hostel in Miyanoura. Angenehme Räumlichkeiten und ganz nette Gäste. Die meisten sind wie ich für drei Tage da. Lerne da auch Simone aus Basel und den Deutschen Gero aus Bonn kennen. Es ist ganz schön wieder einmal mit jemanden auf Deutsch sprechen zu können. Bin am ersten Tag aber sehr müde und mache nicht viel.
Montag, 26. und Dienstag 27. April
Am zweiten Tag steht ein Ausflug in den Shiratani-Unsuikyo-Park an. Den Ausgangspunkt erreicht man nach einer halbstündigen Busfahrt auf ca. 800 Meter über Meer. Der Wald mit den uralten Zeder-Bäumen inspirierte die Macher für den Anime «Princess Mononoke». Man glaubt es sofort. Je weiter man nach oben kommt, desto dichter werden die Wolken. Am Ende ist es ziemlich düster im Wald was ihn noch geisterhafter erscheinen lässt. Von einem Fels ganz tolles Panorama über ein Tal. Am Abend ein nettes Abendessen mit den anderen Gästen vom Youth Hostel. Am dritten Tag mache ich einen Ausflug zu einem Strand auf der anderen Seite der Insel. Ganz supertoll ist das japanische Badezimmer des Hostels mit Dusche und grosser Wanne. Da das Hostel auf der gegenüber liegenden Seite des Hafens liegt, sieht man vom Aufenthaltszimmer aus auch immer die Schiffe ein- und auslaufen.
Mittwoch, 28. April
Rückreise mit der Fähre und Zug nach Fukuoka. Am Morgen gönne ich mir noch ein Bad in einem Onsen ca. 15 Minuten mit dem Bus südlich von Miyanoura. Das Onsen ist in einem kleinen Haus am Waldrand untergebracht. Ein sympathischer Ort, wenn etwas muffig. Im Bad hat es noch zwei Japanerinnen aus Osaka. In der Garderobe kommen wir kurz ins Gespräch. Und immer wieder eine freudige Redaktion wenn ich sage, ich komme aus der Schweiz. Auf dem Weg zum Bus mache ich auf dem Waldweg eine makabre Entdeckung: Eine Schlange liegt erschlagen auf dem Asphalt. Das Tatobjekt, ein Stein mit Blutspuren, liegt keinen halben Meter vom armen Tier entfernt. Mühselig windet es sich mit seinem zerquetschten Kopf davon.
Auf der Fähre habe ich noch einen schönen Blick auf die Insel. Ich komme noch mit einem netten Norweger, der Daniel heisst ins Gespräch. Will wissen, was er von den japanischen Toiletten hält? «Mad, completly mad!» Ich erkläre ihm, dass ich anhand aller Erfahrungen die absolut perfekte Toilette entwerfen wolle. Er nimmt den gleichen Shin-kansen wie ich Richtung Fukuoka.
Donnerstag, 29. April
Reise von Fukuoka nach Tokio. Nehme den Shin-kansen um 12.35 Uhr. Unterwegs die ganz tolle Überraschung: Freier Blick auf den Fuji-san! Japans höchster und berühmtester Berg präsentiert sich absolut wolkenfrei. Da können Stromboli und Aetna gleich zusammenpacken. In Tokio ist es schon Abend und ich irre etwa 30 Minuten im unterirdischen Labyrinth des Bahnhofs umher ehe ich endlich den Ausgang finde. Zum Glück bin ich mittlerweile schon recht japanerprobt und ein behilflicher Japaner oder Japanerin ist auch in Tokio schnell zur Seite. Das kleine Ryokan Sawanoya finde ich ganz alleine ohne Durchfragen.
Freitag, 30. April
Mache mich zu Fuss auf zum sogenannten Kitchen-District. Hier werden auf der Kappabashi-dori zwischen den Vierteln Uneo und Asakusa hauptsächlich Küchenutensilien und auch viel Keramikwaren verkauft. Finde hier endlich schöne Holzschalen mit Lack überzogen. Am Nachmittag besuche ich das Nationalmuseum von Tokio. Ganz schöne Sachen da drin. Am Abend fahre ich zum Hombu Dojo. Finde den Weg zum internationalen Aikido-Headquater fast wie von selbst. Nur bei der letzten Strasse schliesse ich mich zwei Japanern an, die ebenfalls auf dem Weg zum Dojo sind. An einem Seiteneingang erscheint Ueshiba Moriteru. Die Zwei begrüssen den silbergrauen Sensei mit respektvollen 90-Grad-Verbeugungen. Die Begrüssung ist aber freundschaftlich geprägt. Bin so perplex, dass ich gar nicht recht weiss, wie mich verhalten. Die Etikette ist hier streng. Beim Training herrscht Grossandrang. Etwa 100 Teilnehmer drängen sich auf den Matten des vielleicht eineinhalb mal so grossen Dojos wie unseres in Zürich. Selbst als Zuschauer muss man ganz diszipliniert auf einem harten Holzboden knieen.
Samstag, 1. Mai
Gehe ganz früh um 5 Uhr auf den Fischmarkt. Dort herrscht ein reges Treiben. Eindrücklich ist die Tunfisch-Auktion. Es sind noch andere Touristen dort anzutreffen. Alle stehen wir den Marktleuten vor allem im Weg. Die Arbeiter karren z. T. riesige eingefrorene Tunfische herum. Danach esse ich in einer Imbissbude um die Ecke Sashimi. Wieder zurück im Ryokan muss ich mich schon bald wieder parat machen für den Besuch einer Teezeremonie. Diese findet bei einer älteren Dame zuhause im selben Quartier statt. Sie trägt einen schlichten olivgrünen Kimono. Ihre Wohnung ist traditionell japanisch, für westliche Gewohnheiten total spartanisch eingerichtet. Nach der Zeremonie reut es mich wirklich, dass ich den Geschenksatz im Moskauer Hotel habe liegen lassen. Unsere Gastgeberin hätte sich sicherlich sehr über ein Schweizer Nastüchlein mit aufgesticktem Edelweiss gefreut. Am Nachmittag gehe ich das Ginza-Viertel mit all seinen schicken Geschäften anschauen. Alles in allem finde ich mich in Tokio erstaunlich gut zurecht.
Sonntag, 2. Mai
Mit einer Tageskarte den ganzen Tag in der Stadt unterwegs: Tokyo Tower (war nicht oben), Shibuya, Tempel im Park, Shin-juku. Ein total irres Treiben herrscht in Trendviertel Shibuya, wo sich auch die bekannte Strassenkreuzung befindet, auf die sich Lawinen von Menschen ergiessen, wenn die Ampel auf Grün schaltet. Auf den Einkaufsstrassen sieht man auch hier massenweise aufgetakelte Japanerinnen herumstöckeln und die Kaufhäuser überschwemmen. In einem Kaufhaus erinnert mich die Soundkulisse mehr an einen Tierstall mit gackernden Hühnern und blökenden Geissen. Lande dann noch in einer Tierhandlung, in der man sich für viel Geld ein Schosshündchen oder sonst ein herziges Pet kaufen kann. Eingesperrt in Einzelkäfige müssen sich die armen Tierchen den ganzen Tag begaffen lassen. Das Bild eines schwarzweiss getigerten Kätzchens, das auf dem Rücken liegend die Decken anstarrte, bleibt noch lange in meinem Kopf haften. Es kostet 148'000 Yen (ca. 1730 CHF!) Am Abend suche ich noch vergeblich nach dem Laden Retro 8. Übernachte in einem total anonymen Hotel auf dem Flughafengelände.
Montag, 3. April
12-stündiger Rückflug von Tokio nach Zürich. Wir überfliegen weite Teile Sibiriens. Das Land liegt noch in tiefem Winterschlaf unter einer weissen Decke aus Eis und Schnee.